3 Jahre später.

Sonntag, 2. Oktober 2016



In Anbetracht dessen, dass in sehr absehbarer Zeit der nächste kleine Erdenbürger das Licht dieser Welt erblickt und Teil unserer Familie ist, habe ich viel und oft darüber nachgedacht wie ich mich im Laufe der letzten Jahre wohl verändert habe.

Da ist zum einen die oberflächliche, allen ersichtliche Komponente. Ich bin jetzt also Mutter, ich bin verheiratet, wohne mit meiner Familie zusammen in unserem Zuhause. Ich bin tagsüber damit beschäftigt für meine Familie zu sorgen - meine Berufsbezeichnung ist also, ganz bürokratisch gesagt, "Hausfrau". 
Aber hat das Muttersein mich verändert? Hat die vor 2 Jahren geschlossene Ehe etwas ausgelöst? Oder Hong Kong vielleicht? Ich glaube von allem etwas. Ich merke aber zunehmend, dass sich eine Menge verändert hat. Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Im Kern natürlich derselbe, aber abgesehen vom natürlichen Heranreifen mit zunehmendem Alter, haben die doch sehr prägenden Ereignisse der letzten 3 Jahre wohl einen neuen Menschen aus mir gemacht.

Ich war stets ein Mensch, der einen sehr genauen Plan haben musste und dieser durfte vor allem unter keinen Umständen abweichen. Das hat mich aus dem Konzept gebracht, genervt, verärgert.
Was wenn man also, ganz und gar nicht dem Plan entsprechend, plötzlich schwanger ist? Alle bisherigen Pläne wurden über Bord geworfen und wir mussten ganz neu ausloten wie wir die (zumindest nahe) Zukunft angehen wollten. Als Jacob dann erstmal auf der Welt war, habe ich erst realisiert, dass von nun an so ziemlich alles (!) relativ unvorhersehbar und insbesondere unplanbar ist. Ein Kind wird krank, wenn es krank wird.
Ein Kind schläft schlecht, wenn es nun mal eine schlechte Nacht hat. Die Dinge kommen in jeglicher Hinsicht, wie sie eben kommen. Und das kann man schlichtweg nicht ändern. Ihr könnt euch wohl nur im Ansatz vorstellen wie hart diese Veränderung für mich war. Ich habe ziemlich lang an ihr geknabbert. Vor allem an der Tatsache, dass ich nun kein ganz eigenständiger Mensch mehr bin, sondern dass jemand anderes meinen Alltag, meine Entscheidungen für mich bestimmt. Denn ich glaube fest daran, dass man sich als Mutter (Eltern) eben nach dem kleinen Wesen richten muss, nicht anders herum. Ich bin sicher, dass es einige Familien gibt, die dies anders sehen und leben. Aber für mich ist es sehr wichtig, dass (zumindest in den ersten entscheidenden Jahren), die Bedürfnisse meines Kindes, eben vor meine gehen.
So habe ich für mich gelernt die Dinge deutlich gelassener zu nehmen. Das gelingt mir natürlich mal besser und mal schlechter. Aber prinzipiell merke ich, dass ich es besser annehmen kann, wenn das Leben einfach gegen den eigenen Plan läuft.

Weiterhin kann ich wohl sagen, dass das Muttersein einen viel offeneren Mensch aus mir gemacht hat. Ich kann, ohne im Nachhinein besonders stolz darauf zu sein, sagen, dass ich ein sehr schnell und hart urteilender Mensch gewesen bin. Abgesehen davon, dass Lästereien (insbesondere offensichtliche) ein absoluter respektloser und trauriger Akt sind, ist es mir einfach verdammt leicht gefallen, lieber schnell zu verurteilen anstatt den Menschen um mich herum ihren Raum zu geben. Wie vermutlich vieles, ist dies aus einem großen Stück Unsicherheit heraus geschehen. Schade und inakzeptabel ist es trotzdem. Jetzt wo ich Mutter bin, sehe ich solch unterschiedliche Züge an unterschiedlichsten Menschen. Und es fällt mir, zumindest fast immer, sehr leicht, diese zu akzeptieren wie sie sind. Denn es gibt hier kein Richtig, kein Falsch. Es ist gleich wie du dein Kind erziehst/anziehst/behandelst/fütterst etc., jeder hat seine ganz und gar eigene Art und Weise. Und niemand, aber wirklich niemand, sagt mir, dass meine die bessere oder richtigere sei. Natürlich finde ich es in Ordnung eine Meinung zu haben, denn ich habe mich ja bewusst für die Dinge entschieden die ich praktiziere. Aber das gibt mir noch lange nicht das Recht, die Art und Weise anderer Menschen zu verurteilen.
Leider muss man sagen, dass grade wenn es um das Thema Kind geht, viele Menschen einen ganz besonders ausgeprägten Sinn dafür haben, (ungefragt) ihre eigene Meinung kund zu tun und diese als die einzig Wahre zu preisen. Ich vermute mal, dass es sich dabei schlichtweg um ein in der Gesellschaft verankertes Problem handelt. Hier habe ich gelernt, dass Gelassenheit und Selbstbewusstsein die einzig passende Antwort darstellen.

Was mich zwischendurch auch immer mal wieder Inne halten lässt, ist die Selbsterkenntnis, dass ich wohl um einiges weniger abenteuerlustig und stattdessen spießiger geworden bin. Ich erinnere mich an das dringende Bedürfnis "raus" zu kommen. Die Welt zu entdecken, nicht an Morgen zu denken. Fürs Erwachsensein hat man doch noch das ganze Leben Zeit. Und dann ? Ich weiß gar nicht genau was das Gefühl ausgelöst hat, aber plötzlich war mein größtes und dringendstes Bedürfnis ein schönes, warmes Zuhause zu haben. Von guter Bettwäsche über hochwertige Töpfe und genau diesen einen Brotkorb, es scheint manchmal als würde mir mein Kopf einen Streich spielen. Ist das wohl Evolution ? Der so oft gelesene Begriff vom Nestbautrieb ? Das Kind ist da und die Frau wird zur Mutti ? Mir war und ist bis heute sehr wichtig, dass ich keine "Über-Mutti" bin. Ich fühle mich zu jung und zu anders um mich mit diesem Begriff zu identifizieren. Aber ich muss wohl zugeben, dass die Lebensform Familie mich oft in meine Kindheit und mein Zuhause katapultiert. Und ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf eben jenes Zuhause bin. Ich würde wohl das allermeiste genau wie meine Eltern machen. Und dazu gehört nun mal auch, ein tolles Zuhause (in unterschiedlichster Hinsicht) zu haben. Und genau das probiere ich jetzt für mich und meine Familie zu realisieren, auf meine eigene Art und Weise.

Auch unsere Ehe hat mich wohl einiges gelehrt und mich in meinem Charakter verändert. Als wir uns entschlossen, diesen großen Schritt zu gehen, war uns bewusst, dass wir uns verhältnismäßig doch nur recht kurz kannten. Ein Baby war im Anmarsch, mein Mann seit 1,5 Jahren beruflich im Ausland und wir hatten noch nicht einen einzigen Tag zusammen in einer eigenen Wohnung gewohnt. Man könnte sagen, dass das sehr tollkühn war. Wir haben aber von Anfang an über eine gemeinsame Zukunft gesprochen und unsere Wertvorstellungen ausgetauscht. Und für uns war somit klar, dass wir in einer Ehe einen Verbund sahen, der über den einer üblichen Beziehung hinausgeht.
Ich denke weiterhin, dass mir dieser doch sehr traditionelle Bund in Anbetracht meiner Schwangerschaft noch deutlich wichtiger wurde. Jetzt sind wir mehr als 2 Jahre verheiratet. Haben lernen müssen miteinander zu wohnen, haben uns in unserer Rolle als Eltern zurecht finden müssen (und werden dies wohl noch ein Leben lang) und ein enormes Abenteuer wie Hong Kong gemeistert. Bei all den Texten und Gesprächen über unsere sogenannte "beziehungsunfähige Generation", die keine Verbindlichkeiten eingehen will und das Arbeiten an einer Beziehung scheut, fühle ich mich doch sehr dankbar eine Partnerschaft wie meine gefunden zu haben. Natürlich treiben wir uns von Zeit zu Zeit in den Wahnsinn. Aber ich habe gelernt für etwas zu kämpfen, zu reden, zu akzeptieren und gelassener zu sein. 

Mein Kind hat mich letztendlich Demut und bedingungslose, tiefe, fast schmerzende Liebe gelehrt.
Es klingt so stereotypisch und einfach gesagt. Aber das ist es ganz und gar nicht. Ich habe das erste Jahr als sehr hart empfunden. Das Zurechtfinden in einer solch neuen Rolle, eine Familie mit eigenen Werten aufzubauen und trotz sehr harter Phasen nie den Mut oder Optimismus zu verlieren. Das verlangt einem einiges ab. Und ich kann so wütend sein auf mein Kind oder genervt - denn ich bin auch nur ein Mensch. Aber es gibt Momente und Empfindungen, die gehen so tief ins Herz, dass ich kaum weiß wohin mit meinem Glück. In denen der Rest der Welt so umbedeutsam und klein wirkt, wenn ich doch nur dieses kleine Händchen in meiner großen Hand halte. Ich wünsche jedem um mich herum, dass er ein solches Glück und solch bedingungslose Liebe einmal empfinden darf.

Das war dann jetzt aber auch genug an Selbsterkenntnis für den heutigen Sonntag! Könnt ihr vielleicht das ein oder andere Szenario nachempfinden oder habt bei euch selbst auch Veränderungen festgestellt ? Ich freue mich sehr über ein Feedback und wünsche euch allen noch einen schönen Sonntag Abend.

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