Grenzerfahrungen - zwischen Liebe und Verzweiflung.

Montag, 24. Oktober 2016



Manchmal hat man als Mutter das Gefühl, dass einem die Kraft ausgeht. Aber wirklich. Es kommt nur schleichend, nichts passiert von jetzt auf gleich. Aber es gibt Momente, die können noch so belanglos sein, von denen denkt man, dass sie der finale Schlag in einer Kette von aneinandergereihten Anstrengungen sind. 

Ich weiß noch, der erste Abend an dem ich mit Jacob aus dem Krankenhaus zuhause war. Dieses winzig kleine Wesen, von dem ich nicht mal recht wusste, wie ich es bloß möglichst sanft und sicher zugleich halten sollte, schrie und schrie. Und ich fühlte mich so heillos überfordert in dieser Situationen. Überfordert mit meinen Emotionen, mit meiner neuen Rolle als Mutter, mit der schier endlosen Verantwortung - ich höre mich jetzt noch zu meiner Mutter sagen: "Ich kann das nicht. Wie soll ich das bloß jemals hinkriegen? Wenn ich ihn nicht mal jetzt beruhigt kriege." Das war das aller erste Mal, dass ich gespürt habe, was diese bodenlose Liebe und Verantwortung zugleich bedeutet, wie sie einen verzweifeln lassen kann.

Ich möchte nicht wie eine Mutter klingen, die das Muttersein abtut und stets, mit einer Spur Ironie, nur als Anstrengung vermittelt. Aber ich habe mich auch nie als eine Mutter gesehen, die ihre Rolle als einzige wahre Erfüllung und permanentes Glück bezeichnet. Ich fürchte dafür bin ich deutlich zu großer Realist und Pragmatiker. 
Ich nenne die Dinge gerne beim Namen. Und manchmal ist Muttersein der härteste Kampf den ich je mit mir selbst gefochten habe. Und dann aber widerum auch, das tiefste von Liebe geprägte Band, was ich je empfinden durfte. Es gibt solche und solche Tage, ach was sage ich - solche und solche Phasen.

Zurück zum Kraftakt. Ich denke jeder hat seine ganz eigene Schmerzgrenze. Aber diese zweite Schwangerschaft in der Endphase, ein Kind mit extremen Entwicklungsschüben und die normalen, mal mehr, mal weniger, schönen Dinge des Alltags lassen mich im Moment auf jeden Fall wieder meine Grenzen spüren. 
Ich halte mich zwar tendenziell für einen starken Charakter, aber das Durchhaltevermögen, welches man in der Rolle als Mutter erlangt scheint mir doch noch mal ein ganz Neues zu sein. 
So sitze ich hier also mit meiner Kugel auf dem Boden neben dem Kinderbett. Das Kind wurde grad, Tobsuchtsanfall bedingt, fast 45 Minuten in den Schlaf gesungen. Heut ging es eben nicht anders (wie gesagt, es gibt solche und solche Tage). Es ist Sonntag Abend, ein vielversprechender Film wartet auf mich, köstliches Essen und ich weiß, morgen stehe ich auf und es geht eben einfach weiter. Denn so ist es. 
Jeder Tag ist eine neue Chance, um Kraft und Geduld zu tanken, um auf das Ende eines Entwicklungsschubs zu hoffen, um die andauernde Übelkeit abzuschütteln oder einfach wieder aus tiefstem Herzen zu lachen.

Grundsätzlich scheint es mir so zu sein, dass man in der Rolle als Mutter nochmal neu lernen muss, auf sich selbst zu achten. Selbstachtung und -verantwortung ist ohnehin ein viel zu wenig diskutiertes Thema von großer Wichtigkeit. Aber bevor ich ein Kind hatte, galt es ja auch nur für mich Verantwortung zu tragen. Hatte ich mich übernommen und mein Körper oder Geist wollten nicht mehr, saß ich da eben und musste eine Lösung für mich finden. Jetzt kann ich es mir nicht mehr erlauben, "nicht mehr zu können". Mein Kind braucht mich, nahezu 24 Stunden am Tag. Ich kann ihm nicht sagen, dass Mama sich übernommen hat und deswegen grade leider kein Essen machen kann. Man muss so viel gestemmt kriegen und trotzdem stets probieren im Einklang mit sich und seiner Energie zu bleiben. Es ist ja keinem geholfen, wenn man bewiesen hat, dass man immer noch mehr und mehr und mehr kann und zur Belohnung zusammenbricht. Aber ich muss zugeben, dass es mir manchmal durchaus sehr schwerfällt, mich selbst an erste Stelle zu stellen und Dinge für mich einzufordern. Die Erwartungshaltung ist groß - von vielen Seiten, nicht zuletzt der eigenen. 
Und dabei gibt es so viele Dinge, die einem Kraft schenken. Man muss nur lernen, sie sehr achtsam wahrzunehmen. Muss ihnen Raum und Aufmerksamkeit schenken. 
Und nichtsdestotrotz - ich ziehe meinen Hut, vor all diesen Müttern, die Tag ein Tag aus, komme was wolle, weitermachen, lächeln und Kraft aus unterschiedlichsten Dingen schöpfen. 


P.s. Dieser Text soll ganz und gar nicht andeuten, dass Frauen, die keine Mütter sind, nicht mindestens genauso tiefe Momente haben. Ich kann grade wohl nur die Gründe für "mutterbedingte" Grenzerfahrungen besonders gut nachvollziehen.

Kommentare:

  1. Hallo...
    Bin noch keine Mutter und doch habe ich Angst davor. Angst, genau diese Verantwortung nicht Tag täglich gerecht werden zu können. Unterzugehen. Ich finde dieser Art Blog Einträge machen Mut. Da es ehrlich ist und nicht nur das wundervolle an einem Kind erzählt.
    Ich lese fleißig mit um mehr über einem Leben mit einem Kind zu erfahren und vorzubereiten.
    Glückwunsch und alles Gute für das zweite Kind.

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    1. Liebe Figen,
      Bitte entschuldige die späte Antwort und danke für deine Ehrlichkeit und deine Worte.
      Ich verstehe deine Ängst, muss aber dennoch sagen, dass mein Fazit bezüglich des Artikels oder der Überforderung generell ist: man wächst auf außergewöhnliche Art und Weise über sich selbst hinaus. Irgendwie schafft man es dann doch immer und immer wieder nochmal Kraft/Geduld/Mut aufzubringen und die Situationen zu meistern.
      Ich finde es total toll und bewundernswert, wenn du dich bewusst vorher mit solchen Gedanken auseinandersetzt & nicht eine Art rosarote Brille aufhast. Aber es ist glaube ich genauso wichtig,utig zu sein und sich nicht von solchen Ängsten allein fesseln zu lassen. Die unendliche Liebe für so einen kleinen Menschen lässt einen Dinge bewältigen, die man vorher nie für möglich gehalten hätte.
      Ganz liebe Grüße

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