Vom Loslassen.

Sonntag, 19. Februar 2017





Seit ein paar Wochen ist hier nun Daueralarm. Jacob schläft (mal wieder) sehr schlecht und beendet seine Nächte täglich zwischen 04.-05.00 Uhr am Morgen. 

Er ist wach. 
Er möchte spielen - genauer genommen, Lego bauen. 
Und das bitte mit mir.

Wochenlang habe ich gekämpft. Mit meinen Nerven, meiner Geduld, mit ihm. Ich habe probiert zu argumentieren und diskutieren, konsequent zu sein und ihm meine Grenzen zu zeigen. Aber es dürfte niemanden überraschen, dass das nicht gefruchtet hat. 
Morgens, zu solchen Uhrzeiten, möchte ich auch nicht testen, wie lange mein Kind wohl rumschreien wird um seinen Willen durchzusetzen. Ich möchte eigentlich einfach selber schlafen, möchte dringend benötigte Energie für den kommenden Tag tanken. Aber das ist einem 2-jährigen natürlich nicht bewusst. Vor 2 Wochen hatte ich also einen finalen Tiefpunkt. Ich war so so müde, vom wenigen Schlafen, vom vielen Ankämpfen und gestresst-sein am Tag. Und so habe ich mir eingestanden, dass es so nicht weitergehen kann. Es musste sich etwas ändern. 
Aber wo fängt man an ? Und wie ?

Für mich ist der erste Schritt immer ein befreiendes Gespräch. Erstmal alles von der Seele reden. Aufgefangen werden und loslassen. Und dieses Gespräch allein hat so so gut getan. Denn ich kenne mich - ich brauche eine ganze Weile, bis ich bereit bin "aufzugeben" und mich an mein Umfeld zu wenden. 
In der Regel brauchen wir nicht einmal eine direkte Lösung für unsere Probleme. Wir müssen diese negative Energie, die Frustration, Wut und Trauer nur endlich aus unserem System kriegen. Mein Kopf scheint direkt viel freier zu sein. Ich kann wieder klarer und rationaler denken und die momentane Situation ganz neu bewerten.
Also nehme ich mir nach einem solchen Gespräch erstmal einen Moment um durchzuatmen und mich zu sammeln. Und das heißt auch, dass ich mir etwas Gutes tue. Nichts Weltbewegendes. Ein einfacher Kaffee in der Sonne auf einer Parkbank reicht. Mit größter Achtsamkeit seine Umwelt wahrnehmen und probieren sich zunächst einmal wieder an ganz alltäglichen - aber so wertvollen - Dingen zu erfreuen. 

Erste Sonnenstrahlen im Frühjahr. 
Das Zwitschern der Vögel. 
Oder auch die wieder länger werdenden Tage.

Danach galt es für mich, wieder mehr Ruhe in mir zu finden und meine Vorstellungen und Wünsche von mehr Schlaf oder einem "besser gehorchenden" Kind loszulassen. Erst wenn wir nicht mehr verkrampft versuchen gegen etwas Aufreibendes anzukämpfen, kehrt wieder genug Ruhe in uns, um schwierige Situationen zu meistern. 



Was heißt das also ? 

Für mich als Mensch mit viel Bedürfnis nach Planung und Ordnung bedeutet es vor allem, mich zu lösen. Mich voll und ganz meinem Kind und seinen Bedürfnissen zu widmen. Denn ich weiß,  es handelt sich nicht um etwas Permanentes, es ist mal wieder "eine dieser Phasen". 

Also habe ich angefangen jegliche Vorhaben nach der Kita zu streichen beziehungsweise sie nicht zu priorisieren. Alles was von wirklicher Bedeutung ist, muss vormittags erledigt werden. Zwischen 14.30 und 18.30 Uhr richte ich mich nun voll und ganz nach Jacob. Nicht, weil mein Kind bestimmt was ich wann mache, nicht weil ich nicht genug Durchsetzungsvermögen habe - sondern weil ich meine Bedürfnisse für den Moment hinter seine stelle. Ich lasse los. 
Und so gehen wir nach der Kita vielleicht spontan auf den Spielplatz, vielleicht aber auch nach Hause. Es kann auch sein, dass wir einfach noch 30 Minuten in der Kitagarderobe kuscheln, denn Nähe ist hier ein weiterer sehr ausschlaggebender Faktor. Was mich auch schon zu meinem nächsten Punkt bringt. 

Wenn ich nur lang genug keinen ordentlichen Schlaf bekomme, Tag um Tag mit diesem kleinen Menschen kämpfe und kontinuierlich nicht mehr vorhandene-Energie investiere, kann ich förmlich zusehen, wie ich zunehmend härter werde. Mein Ton wird schärfer, mein Geduldsfaden immer kürzer und ich kehre letztendlich ganz in mich. Natürlich nicht bewusst, aber so hat jeder Mensch seinen ganz eigenen Weg mit Stress umzugehen. Ich bin sicher, dass unsere Kinder spüren, wenn wir nicht mehr richtig anwesend sind und nur noch funktionieren. Denn man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen: Kein Kleinkind handelt in solchen Situationen bewusst um uns zu verärgern. Sie stecken ihre Emotionen, ihre Sorgen und Ängste in ihr Handeln. Verarbeiten ihre Tage in der Nacht und sehnen sich danach, wie letztendlich jeder von uns, aufgefangen zu werden. Also musste ich mich als nächsten Schritt bewusst wieder mehr im Hier und Jetzt wiederfinden. Meine Anspannung loslassen und mich voll und ganz emotional auf mein Kind einlassen. Und so probiere ich jetzt wieder mich mit mehr Achtsamkeit in mein Kind und seine vermutlichen Empfindungen hineinzuversetzen. Versuche mich selbst daran zu erinnern, dass es in der Regel nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit ist und ich doch der rettende Anker für diese kleine Kinderseele sein soll.

Laura von Trendshock kam da mit ihrem Artikel zum Thema "Achtsamkeit" genau richtig. Ich habe mich sofort in vielen der beschriebenen Situationen wiedergefunden. Es mag so simpel, so selbstverständlich klingen. Aber ich finde es ist doch auch menschlich, dass man als erwachsener Mensch mit einem Bedürfnis nach Austausch manchmal nicht zu 100% mit den Gedanken anwesend ist. Den ganzen Tag beschäftigt sich eine Mutter mit ihrem Kind. Und so schön Konversationen mit kleinen Kindern auch sein können, sie sind in der Regel recht einseitig was ihren Gehalt angeht. Kein Wunder, dass ich man sich nahezu förmlich auf jede Möglichkeit stürzt, die einem die Chance bietet einen "echten" gehaltvollen Austausch am Tag zu haben. Aber gut - dies sollte nur ein kurzer Ausflug zum Thema Achtsamkeit sein.

Wie ihr seht spielt das Loslassen eine unglaublich große Rolle in unseren Leben. Und der Weg dorthin ist die permanente Selbstreflexion. Aber auch der Mut, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht oder vielleicht alleine nicht mehr weiterkommt.
Vermutlich könnte ich euch stundenlang weiter berichten von all den Dingen, die ich immer und immer wieder in Angriff nehme. Die wieder verfliegen und wieder erwachen. Denn so ist das Muttersein - es ist ein konstantes Wachsen. Man wächst über sich hinaus, über all die Dinge, die man nie für mich möglich gehalten hat. Und das meine ich im positivsten aber auch im negativsten Sinne. Es ist eine Achterbahnfahrt der Selbsterkenntnis. 






Kommentare:

  1. Ein toller Text. Vielen Dank für die guten Gedanken. Zufällig hat mir das sogar als 4fach Mama mit aktuell einem 13 Jährigen Sohn geholfen.

    AntwortenLöschen
  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Molly,
    Das freut mich sehr zu hören. Auch ich greife immer mal wieder auf den Text zurück. Denn wir wissen Beide - solche Zeiten kommen immer mal wieder... �� Ganz viel Kraft und Ruhe wünsche ich dir.

    AntwortenLöschen